Laufkrane in der Produktionshalle von Hillenkötter & Ronsieck

HIROstory: Krananlagen in den 50er und 60er Jahren

Geschrieben am 31.03.2015 von in Allgemein, Historie

Während insgesamt 40% der Fabrikanlagen der Bielefelder Metallbranche im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, blieb Hillenkötter & Ronsieck trotz der Nähe zu den Bahnanlagen von Kriegsschäden verschont. 1946 stand die Firma zunächst unter der Treuhandverwaltung der Bielefelder Architektin Dr.-Ing. Erika Brödner. 1948 wandelte Dr. Eduard Hessinger das bisher in der Rechtsform der OHG geführte Unternehmen in eine Kommanditgesellschaft um, in die er als Geschäftsführer und einziger persönlich haftender Gesellschafter eintrat. Die Leitung der Tagesgeschäfte übernahmen seit Beginn der 1950 Jahre der technische Direktor Friedrich Kulik (seit 1951), und der kaufmännische Direktor Richard Gehring (seit 1953). Die Mitarbeiterzahl, 1947 100 Angestellte und Arbeiter, stieg bis 1959 auf 265 Mitarbeiter an und blieb auf diesem hohen Niveau bis Ende der 1960er Jahre.

Greven’s Kölner Adressbuch 1960

Zur Belegschaft zählten seit Ende der 1950 Jahre auch vier syrische Gastarbeiter, von denen einer bis 1979 bei Hillenkötter & Ronsieck und danach bis 2000 bei Thyssen Aufzüge arbeitete. Hillenkötter & Ronsieck kümmerte sich auch um den Nachwuchs: In den 1950er Jahren wurden jährlich zwischen 29 und 50 Lehrlinge ausgebildet. Auch wurde wieder eine Zweigniederlassung eröffnet. Diese bestand jedoch nur für kurze Zeit – von 1959 bis 1964 in Köln. Längerfristiger nutzte das Unternehmen die 1958 angemieteten Fabrikgebäude der ehemaligen Bielefelder Union an der Jöllenbecker Str. 39 („Werk 3“). Dort war bis 1967 der Türenbau untergebracht.

Wir hatten bis nach’m Kriege noch ’nen Pferd. Und mit dem Pferdewagen wurden dann die schweren Laufkatzen zur Bahn gefahren.
Das war so’n alter Zossen, und wenn Du vom Güterbahnhof kamst, und hattest den Wagen leer, dann ging der automatisch an der Kneipe her, wegen dem Kutscher, da hielt der automatisch an.“

Interview mit Walter Kassing, 23.1.2008

Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich Hillenkötter & Ronsieck auf die Herstellung von Aufzugsanlagen für Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude, Warenhäuser und Industriebetriebe. Darüber hinaus steigerte das Unternehmen die Produktion von Brücken- und Auslegerkranen und die Fertigung von Stützkettenaufzügen für Bahn und Post. Nach der durch die politischen Umstände während des Dritten Reiches erzwungenen Fokussierung auf den deutschen Markt, nahm Hillenkötter & Ronsieck ab 1953/54 wieder den Export in den Blick: Das europäische Ausland, aber auch der amerikanische Kontinent und der Nahe und Mittlere Osten wurden mit Aufzügen und Kranen beliefert. Der Exportanteil an der Produktion schwankte in den 1950er Jahren zwischen 8% 1954 und 4% 1959 und je 15% 1968 und 1971/72, während der Großteil der Produktion an Kunden in der Bundesrepublik Deutschland geliefert wurde.

Brückenkran

Brückenkran in Helsingborg, Schweden, 1952. 10 Tonnen Tragkraft, 22 Meter Spannweite

Die Herstellung von Krananlagen bei Hillenkötter & Ronsieck ging bis Anfang der 1960er Jahre stark zurück. Zwar gestaltete sich die Situation des Kranbaus in der Bundesrepublik in dieser Zeit allgemein relativ schlecht, aber Hillenkötter & Ronsieck war von diesem allgemeinen Auftragsrückgang besonders stark betroffen. Anfang der 1960er Jahre hatte sich im Kranbau die Kastenträgerbauweise als wirtschaftlichste Konstruktion durchgesetzt. Da bei dieser Kranbauweise umfangreiche präzise Schweiß- und Richtarbeiten durchzuführen waren und Konkurrenzunternehmen diese in immer größerem Rahmen automatisiert hatten, kam es zu der Situation, dass die Krane von Hillenkötter & Ronsieck am Markt zu teuer waren. Anstatt ebenfalls die Kranproduktion stärker zu automatisieren, was mit erheblichen Investitionen verbunden gewesen wäre, begann Hillenkötter & Ronsieck verstärkt, Krane aus Walzprofilstahl zu produzieren.

Der Vorteil bei dieser Kranbauweise war, dass der Hauptträger des Krans aus einem fertigen Stück bestand und nicht wie bei der Kastenträgerbauweise erst zusammengesetzt werden musste. Ein klarer Nachteil war, dass Krane dieser Konstruktion ein deutlich höheres Eigengewicht hatten und nicht für größere Spannweiten (über 16 m) verwendet wurden. Zwar konnte man mit dieser Bauweise billiger produzieren, da weniger Arbeitsstunden bis zur Fertigstellung anfielen, gleichzeitig verringerte sich jedoch auch der Kreis der potentiellen Käufer, da für diese Krane nur noch Kunden in Frage kamen, die kleinere und mittelgroße Krananlagen benötigten und bei denen das höhere Eigengewicht der Krane nicht zu baulich bedingten Mehrkosten führte (z. B. für Verstärkung der Pfeiler der Werkhalle).

Das Krangeschäft von Hillenkötter & Ronsieck beschränkte sich in den 1960er Jahren auf Einzelfälle, auch weil sich Anfang der 1960er Jahre ein anderer Geschäftsbereich als wesentlich Erfolg versprechender darstellte – der Bereich der Fassadenlifte. Zu den wenigen Auftraggebern gehörte neben der Hoesch AG auch die ebenfalls Dr. Hessinger gehörende Ravensberger Eisenhütte, für deren Fabrikneubau 1965 an der Eckendorfer Straße zwei Krananlagen geliefert wurden.

Laufkran in einer Produktionshalle in den späten 50er Jahren

Laufkran bei der Firma „Fischer & Krecke“, Bielefeld, 1958. Tragkraft: 10 Tonnen, Spannweite: 20,30 Meter

Die Texte aus diesem Blogeintrag stammen aus dem Buch “111 Jahre Aufzugstechnik” von Martin Bockermann und Matthias Meyer.

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Eine Antwort zu “HIROstory: Krananlagen in den 50er und 60er Jahren”

  1. […] Gegensatz zum Kranbau blieb der Aufzugsbau auch in den folgenden beiden Jahrzehnten bis zur Aufgabe dieses […]

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