HIROstory: Turbulente Jahre zwischen 1970 und 1977

Geschrieben am 09.03.2016 von in Allgemein, Historie

Die 1970er Jahre bedeuteten einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Firma Hillenkötter & Ronsieck. Zum 1. September 1970 schied nach 36 Jahren Dr. Eduard Hessinger als Eigentümer der Firma aus und verkaufte seine Anteile an die im Eigentum der Familie Claas (Harsewinkel) befindliche Ravensberger Eisenhütte Verwaltungsgesellschaft, die als Komplementär-GmbH in das Unternehmen eintrat. Altersgründe – Dr. Hessinger war 86 Jahre alt – und langjährige freundschaftliche Beziehungen zwischen beiden Familien spielten dabei eine wichtige Rolle.

Seit 1963 baute Hillenkötter & Ronsieck neben Fassadenliften auch Kletteraufzüge für Servicearbeiten. Ihr Einsatzort war innerhalb von Kranen, Sende- und Hochspannungsmasten. Der Fahrkorb, unter dem ein Elektro- oder Verbrennungsmotor angebracht war, konnte endlos an einem Triebstock aufwärts „klettern“.

Das Bild rechts zeigt die Starkstrommasten der 1976-1978 gebauten Elbekreuzung 2 zwischen Stade und Hamburg. Die in einem 1,70 m starken Rohr in der Mitte der Masten geführten Aufzüge wurden dabei von den Monteuren schon während der Aufbauarbeiten der Masten benutzt.

Bild rechts von Stehfun (CC),
Titelbild von Wolfgang Meinhart (CC)
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Starkstrommasten der Elbekreuzung 2

Bereits 1965/67 hatte Dr. Hessinger aus den gleichen Gründen die ebenfalls in seinem Besitz befindliche Ravensberger Eisenhütte an die Familie Claas verkauft. In dieser Zeit gingen etwa 60% der Produktion der Ravensberger Eisenhütte an die Unternehmensgruppe Claas. Zunächst waren 1965 Dr. August Claas und Franz Claas als Kommanditisten in die als GmbH & Co. KG geführte Ravensberger Eisenhütte eingetreten. Zum 1.9.1967 trat dann die im Besitz der Familie Claas befindliche Ravensberger Eisenhütte Verwaltungs-GmbH als Komplementär-GmbH ein.

 

Kletteraufzug eines Sendeturms

In den grenznahen Gebieten des Irak baute Hillenkötter & Ronsieck für das irakische Informationsministerium ab 1977 als Subunternehmer der Firmen Preussag, Liebherr und BBC Kletteraufzüge für Sendetürme. Die für Liebherr gebauten Kletteraufzüge wurden dabei mit Elektroantrieb und Schleifleitungen ausgeführt. Darüber hinaus wurde auch im benachbarten Kuwait ein Kletteraufzug montiert. 

Und mittags, so von 1 bis 3, halb 4, konnte man auch nicht arbeiten in den Türmen, da war das Eisen so heiß … Da konnte man nicht arbeiten. Wir sind morgens meist so um 6, halb 7 angefangen, haben  dann so bis 12, halb 1 gearbeitet und sind dann runter gefahren. Um halb 4 sind wir noch mal 2 Stunden rauf, aber dann wurde es auch dunkel.“
Interview mit Arnold Freitag über das Arbeiten im Irak, 11.3.08


Zwar erzielten die neuen Eigentümer in ihrem zweiten Geschäftsjahr bei Hillenkötter & Ronsieck eine beachtliche Umsatzsteigerung. Nachdem die Umsatzzahlen seit 1966 jährlich 6 bis 8 Mill. DM erreichten, wuchs der Umsatz 1971/72 gegenüber dem Geschäftsjahr 1970/71 von 8,4 Mill. DM auf 14,8 Mill. DM. In den Folgejahren brachen dann aber die Umsatzzahlen massiv ein. Die schon seit der ersten Nachkriegsrezession von 1968 unbefriedigende Ertragslage verschlechterte sich zunehmend. Verschiedene Gründe spielten hier zusammen: Die Baukonjunktur, von der der Aufzugsbau unmittelbar abhängig ist, geriet nach der Hochkonjunktur 1973 in eine schwere Rezession. Neben der Anfang der 1970er Jahre weitgehend erreichten Deckung des Bedarfs an privatem Wohnraum, war Hillenkötter & Ronsieck insbesondere von den seit 1974 deutlich zurückgefahrenen Investitionen der großen Warenhaus-Konzerne betroffen. Gewinne im Warenhaus-Bereich sollten nun mehr durch organisatorische Rationalisierungsmaßnahmen als durch Flächenexpansion realisiert werden.

Darüber hinaus ließ auch die Investitionsbereitschaft der übrigen Wirtschaft und der öffentlichen Hand nach der ersten Ölkrise 1973 spürbar nach. Die Unternehmen der Aufzugsbranche reagierten auf diese Entwicklung mit einem ruinösen Preiskampf, um ihre Marktanteile zu halten und ihre zuvor teilweise massiv ausgebauten Kapazitäten weiterhin auslasten zu können. Die Preise im Aufzugsmarkt gerieten auch dadurch unter Druck, dass immer mehr Klein- und Kleinstfirmen auf den Markt drängten, die einen Standart-Aufzug von Lieferanten zusammenkauften und damit die Kosten für Produktionsstätten und Verwaltung einsparen konnten. Anstatt allerdings die sich bereits seit Beginn der 1960er Jahre entwickelnde Zuliefererindustrie zur Kostensenkung bei der Produktion zu nutzen, setzte Hillenkötter & Ronsieck weiter auf die teure und damit unrentable Eigenfertigung nahezu aller für den Aufzugsbau notwendigen Komponenten, von den Aufzugswinden und Aufzugstüren bis hin zu den Aufzugssteuerungen.

Raumspar-Schwenk-Tür

Die Raumspar-Schwenk-Tür vereinigte die positiven Eigenschaften der Schiebetür und der Drehflügeltür durch Verlegung des Drehpunktes.

1976 entschloss sich die Familie Claas zum Verkauf ihres immer mehr in den roten Zahlen arbeitenden Bielefelder Unternehmens, bei dem 1973 die H & R Verwaltungs-GmbH die Ravensberger Eisenhütte als Komplementär-GmbH abgelöst hatte. Mit der Suche nach einem Käufer beauftragte der Generalbevollmächtigte der Claas-Gruppe den damaligen Hauptgläubiger der Firma, Christian Hein, der in den 1950er Jahren eine Elektrikerlehre bei Hillenkötter & Ronsieck absolviert und Anfang der 1960er Jahre die Firma Penning in Langenhagen übernommen hatte. Neben Aufzügen produzierte Christian Hein auch automatische Türen und knüpfte dabei geschäftliche Beziehungen zur Ennepetaler Firma Dorma-Baubeschlag, die auf dem Gebiet der Türschließmittel eine der führenden Firmen weltweit war.

Der erste Versuch, die Firma zu verkaufen, scheiterte indes. Herwig und Rüdiger Lange waren nur kurze Zeit im Besitz der Firma. Schon nach wenigen Monaten beendeten sie ihr Engagement wieder und verkauften das Unternehmen zurück an die Familie Claas. Ein Unternehmen, das tiefrote Zahlen schreibt, ist schwer zu verkaufen. Da Christian Hein glaubte, die Fehler zu kennen, die in den vergangenen Jahren gemacht worden waren, übernahm er die Firma von Claas Anfang April 1977 alleine. Es gelang ihm, zunächst seinen Bruder Wilfried Hein und dann die Firma Eldor Türautomatic GmbH mit ins Boot zu holen.

Mitte 1977 erhielt das Unternehmen den neuen Namen HIRO LIFT Hillenkötter + Ronsieck GmbH und eine geänderte Rechtsform. Eigentümer wurden zu zwei Dritteln die Eldor und zu einem Drittel die Brüder Christian und Wilfried Hein. Die Leitung der Firma übernahmen Lothar Fischer von der Eldor und Dr.-Ing. Wilfried Hein, der bereits während seines Berliner Maschinenbau-Studiums für Hillenkötter & Ronsieck als Montagehelfer gearbeitet hatte. Die Eldor Türautomatic befand sich zu je 50% im Besitz der Firmen Dorma-Baubeschlag und der Augsburger Firma Erhard & Leimer, die im Bereich Maschinen- und Apparatebau sowie der elektrischen und elektronischen Steuerungseinrichtungen eine Spitzenposition besaß. Der Einstieg der Eldor und somit indirekt auch der hinter ihr stehenden großen Firmen bedeutete für das bedrohte Bielefelder Unternehmen sehr viel und war vor allem dem Einsatz von Christian Hein zu verdanken. Die Absicht der Eldor war es, bei HIRO LIFT automatische Türen zu produzieren, ein Produkt, dass sich zu dieser Zeit im Gegensatz zu Aufzügen sehr gut verkaufte. Die Produktion von automatischen Türen bei HIRO LIFT begann kurz vor dem Einstieg der Eldor. Hervorzuheben sind hier insbesondere die Raumspar-Schwenk-Tür und die Schiebe-Schwenk-Tür für den Einsatz in Flucht und Rettungswegen. Beide Türen waren GS geprüft (geprüfte Sicherheit) und konnten im Notfall von innen nach außen aufgestoßen und auch von außen geöffnet werden.

Die Texte aus diesem Blogeintrag stammen aus dem Buch “111 Jahre Aufzugstechnik” von Martin Bockermann und Matthias Meyer.

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