altes Schild aus einem Aufzug der Vorkriegszeit

HIROstory: Die Geschichte eines Aufzugsschilds

Geschrieben am 15.06.2016 von in Allgemein, Historie, Treppenlifte + Aufzüge

Vor einigen Wochen bekamen wir eine E-Mail von Herrn S. mit der Frage, ob wir Interesse an einem alten Aufzugsschild von „Hillenkötter & Ronsieck“ haben. Keine Frage, selbstverständlich haben wir Interesse. Wenige Tage später haben wir das Schild abgeholt und von seinem Besitzer erfahren, dass es aus einem Aufzug stammt, der längst nicht mehr existiert.

Im Jahr 1865 erhielt Wilhelm Klingenberg von der Fürstlich Lippischen Regierung die Konzession zur Errichtung einer Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung in der Residenzstadt Detmold. Schon wenige Jahre später konzentrierte sich Klingenberg mit seinem Betrieb auf das Druckereigeschäft. Bis zur Jahrhundertwende entwickelte sich die „Gebr. Klingenberg OHG“ zu einem der führenden Hersteller für Zigarrenkisten-Ausstattungen und Zigarren-Banderolen mit Geschäftsbeziehungen in die ganze Welt.

Nach einem Großbrand entstanden im Jahr 1875 neue Firmengebäude an der Leopold-, Ecke Hornsche Straße in Detmold, die in den folgenden Jahrzehnten stetig erweitert wurden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in dem Gebäudekomplex ein Aufzug von der damals noch recht jungen Bielefelder Firma Hillenkötter & Ronsieck eingebaut. Auf dem Aufzugsschild (siehe Titelbild) heißt es:

Personen-Aufzug!
Hillenkötter & Ronsieck Bielefeld
Spezialfabrik für Aufzüge

Zulässige Belastung 500 Kg. oder 7 Personen einschliesslich Führer.
Die Beförderung von Personen ist nur unter Begleitung des angestellten Führers gestattet.

 

Bedienung durch Aufzugsführer

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Aufzüge in der Regel von einem Aufzugsführer handgesteuert, eine Benutzung des Aufzugs ohne einen extra dafür angestellten Führer war nicht gestattet, denn es gab noch keine einfache Druckknopfsteuerung. Sogenannte „Selbstfahrer-Aufzüge“ etablierten sich erst in den 1950er Jahren.

Das Bild rechts zeigt eine Aufzugsanlage aus dem Jahre 1910 mit einem Trommelantrieb und einer Schlappseilvorrichtung. Die über der Trommel zu erkennende Wippe schaltet automatisch den Motor ab, sobald die Kabine aufsetzt und dadurch die beiden Seile schlapp fallen.
Bedient wurde der Aufzug von einem fachkundigen Aufzugsführer über eine Hebelsteuerung.

Eine alte Fotografie zeigt einen Aufzugsführer in einer Aufzugskabine ohne Türen

Bedienelement eines Personenaufzugs aus den 50er Jahren

Sammelsteuerung für Selbstfahrer-Aufzüge

In den 1950er Jahren entwickelte Hillenkötter & Ronsieck die Sammelsteuerung für Selbstfahrer-Aufzüge. Ausgeführt als Druckknopfsteuerung konnten dem Fahrkorb damit mehrere Fahraufträge gegeben und gleichzeitig auch das Zusteigen von außen ermöglicht werden. Das Bild links zeigt das Bedienelement eines „Selbstfahreraufzugs für 4 Personen“ mit Sammelsteuerung aus den 50er Jahren. Da diese Steuerung für die damalige Zeit sehr modern war und Passagiere es gewohnt waren, von einem Aufzugsführer gefahren zu werden, heißt es auf dem Schild:

„Nach Ankunft des Aufzugs bitte sofort die Tür öffnen, einsteigen und Knopf des gewünschten Stockwerks drücken.

Aufzug fährt auf jeden Fall dorthin, auch wenn vorher noch andere Kommandos ausgeführt werden!“

Trotz der neuen Technik wurden noch bis Mitte der 1960er Jahre Personenaufzüge gebaut, die von Aufzugsführern gesteuert werden mussten. Hillenkötter & Ronsieck lieferte solche Aufzüge beispielsweise für die Warenhäuser von Quelle, Kaufhof und Karstadt.

Das Aufzugsschild aus Detmold stammt vermutlich aus den 1920er oder 1930er Jahren. Leider befindet sich auf dem geätzten Messingschild weder eine Typenbezeichnung noch eine Aufzugsnummer. Die Druckerei Klingenberg firmierte noch bis zum Jahr 1979 in den Gebäuden an der Ecke Leopold- und Hornsche Straße, dann zog der gesamte Betrieb in einen Neubau in den Detmolder Westen. Der alte Fabrikkomplex stand daraufhin einige Jahre leer und wurde schließlich zu Beginn der 1980er Jahre abgerissen. Herr S. konnte während dieser Zeit das Aufzugsschild rechtzeitig vor dem Abriss retten. Einzig das unter Denkmalschutz stehende Haus Münsterberg ist bis heute erhalten geblieben, und wurde dazu 1986 in einer spektakulären Aktion um rund sieben Meter verschoben.

Luftbild der Firma Gebr. Klingenberg

Auf diesem Wege möchten wir uns noch einmal bei Herrn S. für das Schild bedanken. Es wird nach den Renovierungsarbeiten hier im Hause einen Ehrenplatz finden.

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Eine Antwort zu “HIROstory: Die Geschichte eines Aufzugsschilds”

  1. […] Besonders gefreut haben wir uns darüber, dass bei diesen Fundstücken das Jahr der Inbetriebnahme des Aufzugs und seine Produktionsnummer erkennbar sind. Eingebaut wurde er im Jahr 1933: dem Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers, in welchem ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte seinen Anfang nahm. Ironischerweise heißt es auf den Aufzugsschildern, dass eine Benutzung des Lifts „nur in Begleitung des Führers“ gestattet ist. Dieser Zusatz bezieht sich auf den bis Mitte des 20. Jahrhunderts verbreiteten Beruf des Aufzugsführers (mehr Informationen zur Bedienung durch Aufzugsführer in diesem Artikel). […]

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