HIROstory: Von der Trommel zur Treibscheibe

HIROstory: Von der Trommel zur Treibscheibe

Der Trommelantrieb ist als einfacher Seilaufzug bereits seit der Antike bekannt: Ein Seil ist an einer Trommel befestigt und wird auf- bzw. abgewickelt. Später wurde diese Technik dadurch verbessert, dass zwei Seile und zwei Trommeln zum Einsatz kamen, ein Förderseil an dem der Fahrkorb befestigt war und ein Ausgleichsseil an dem ein Gegengewicht angebracht war. Beide Seile arbeiteten gegenläufig. Während das eine Seil aufgewickelt wird, wird das andere abgewickelt. Die Trommeln für beide Seile befinden sich dabei auf derselben Antriebswelle.

Treibscheibenantrieb mit 4 Tragseilen
Treibscheibenantrieb mit 4 Tragseilen

Der 1877 von dem deutschen Bergbauingenieur Carl Friedrich Koepe für den Betrieb einer Schachtförderanlage entwickelte Treibscheibenantrieb kam zunächst nur für den Lastentransport zum Einsatz. Aufgrund seiner Vorteile gegenüber dem Trommelantrieb wurde er bald auch für Personenaufzüge eingesetzt und konnte schließlich bis Ende der 1920er Jahre den Trommelantrieb weitgehend verdrängen. Anders als beim Trommelantrieb, dessen Seillängen durch die Länge der Trommel begrenzt sind, was auch die Förderhöhe einschränkt, können beim Treibscheibenantrieb nahezu beliebig lange Seile verwendet werden. Zudem erlaubt die Treibscheibe den Einsatz mehrerer paralleler Seile, wodurch die Sicherheit verbessert wird, da die Wahrscheinlichkeit eines Fahrkorbabsturzes erheblich reduziert ist.
Beim Treibscheibenantrieb werden die Tragseile, die an einem Ende die Kabine und am anderen Ende ein Gegengewicht tragen, über eine Treibscheibe geführt. Die Seile sind nicht an der Treibscheibe befestigt, sondern werden durch die Reibung gehalten und bewegt. Die Hälfte der Nutzlast und das Eigengewicht des Fahrkorbes werden über das Ausgleichsgewicht kompensiert. Dadurch reduziert sich die Antriebsleistung um die Hälfte.

Spindelantrieb

Das Bild oben zeigt eine Hebebühne für Straßenbahnen bei den Bielefelder Stadtwerken in den 1940er Jahren. Vier gleichzeitig angetriebene Schneckenstangen heben die Straßenbahn über fixierte Muttern an. Zunächst wurden solche Hebebühnen mit einer Handkurbel bewegt, später elektrisch mit einer Druckknopfsteuerung. Das Bild unten zeigt eine elektrische Bushebebühne bei den Verkehrsbetrieben Oslo in den  1920er Jahren.

Expansion des Betriebs zwischen 1912 und 1920

Die Steigerung und Erweiterung der Produktion bei Hillenkötter & Ronsieck spiegelten sich auch im Ausbau der Fabrikanlagen wieder. Zwischen 1912 und 1920 wurde die Montagehalle erweitert, ein Grundstück für zukünftige Erweiterungen angekauft und die technische Ausstattung soweit verbessert, dass zunehmend maschinelle Fertigung die Handfertigung ablöste.

1907 wurde die Schmiede erweitert und ein Hebelhammer mit Riemenfriktionsantrieb angeschafft.

1912 wurde das vorhandene Fabrikgebäude durch einen 27 m langen Anbau erweitert.

1916 kaufte die Firma das unbebaute Grundstück an der Meller Straße. Im gleichen Jahr erwarb die Firma eine gebrauchte Dampfmaschine (Bj. 1906) mit Zweiflammrohrkessel und Innenfeuerung, die 60 PS leistete.

1920 schaffte die Firma eine Pressluftnietanlage an, die in der Fabrikhalle ihren Platz fand. Proteste von Anwohnern, die durch die Geräuschbelästigung eine Gefährdung ihrer Gesundheit befürchteten, blieben erfolglos, der Stadtausschuss des Stadtkreises Bielefeld genehmigte am 5.1.1921 die Inbetriebnahme der Pressluftnietanlage.

„Die Anlage von Preßlufthämmern ist für den Betrieb der Fabrik behufs Nietung unerlässlich, wenn sie den Anforderungen eines neuzeitlichen Betriebes gerecht werden will. Insbesondere dient die Anlage auch zur Schonung der Arbeiter, welche infolge schlechter Ernährung die schwere Arbeit des Von-Hand-Nietens nicht mehr auszuüben vermögen.“
Aus der Antragsbegründung vom 9.9.1920

Speiseaufzug, 1920er Jahre
Speiseaufzug, 1920er Jahre

Mit dem Tod der beiden Vogt-Brüder, Fritz Vogt (1854-1912) und August Vogt (1861-1924), ging die Firma sukzessive in den Besitz der Erben über. Hillenkötter & Ronsieck beschäftigte 1923 101 Mitarbeiter (11 Angestellte und 90 Arbeiter). Besonders wichtig für die Firma war in dieser Zeit die Arbeit ihrer beiden Prokuristen – Ing. Heinrich Hegels, schon seit 1901 Prokurist bei Hillenkötter & Ronsieck, und Buchhalter Karl Spiekerkötter.

Die Produktion konzentrierte sich nach dem Ersten Weltkrieg vor allem auf Aufzüge und Krananlagen, unter Beibehaltung des bisherigen Lieferprogramms. Neu entwickelt wurden Beschickungsmaschinen für Glühöfen und die Fertigung von Torantrieben.
Nach den Jahren der Inflation und insbesondere der Hyperinflation 1922/23 stagnierten die Erträge von Hillenkötter & Ronsieck zunächst. Ab 1927 zeigten dann die Ertragszahlen jährliche Steigerungsraten von über 10%, eine Tendenz die städtische Verwaltungsberichte in dieser Zeit für die gesamte Bielefelder Industrie feststellten. Vermutlich aufgrund dieser positiven Entwicklung gründete das Unternehmen 1927 in der Bochumer Kronenstraße eine Zweigniederlassung, die von Oberingenieur Rudolf Daub geleitet wurde.

Anhand der Produktion von Krananlagen lässt sich die wirtschaftliche Entwicklung bei Hillenkötter & Ronsieck bis Ende der 1920er Jahre nur bedingt ablesen. Zwar wurden in den 1920er Jahren insgesamt doppelt so viele Krananlagen produziert wie im Jahrzehnt zuvor, die jährlichen Produktionszahlen schwanken aber zu sehr, als dass daraus ein allgemeiner Trend abzulesen wäre.

Zwei Krananlagen ragen aufgrund ihrer Dimensionen aus der Kranproduktion bis Ende der 1920er Jahren deutlich heraus: ein 1912 für die Deutschen Eisenwerke in Gelsenkirchen gebauter elektrischer Laufkran mit einer Tragkraft von 15 t bei 22 m Spannweite und ein 1929 für das Elektrizitätswerk Eschershausen gelieferter handbetriebener Laufkran mit einer Tragkraft von 30 t bei 7,92 m Spannweite.

Die Texte aus diesem Blogeintrag stammen aus dem Buch “111 Jahre Aufzugstechnik” von Martin Bockermann und Matthias Meyer.

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